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Prozess

 

Wo kommt eigentlich die Kunst her?

María Linares Mich interessiert die Frage nach der Akzeptanz der Partizipation. Du hast in Deinem Konzept Joseph Beuys mit dem Satz »Ich denke sowieso mit dem Knie« zitiert. Der erweiterte Kunstbegriff war ja lange vielen Menschen total fremd: »Was der Beuys sich alles erlaubt hat«. Das war ja für viele schockierend und unverständlich. Bei einem Projekt wie deinem habe ich das Gefühl, gerade bei den Kindern, dass es heute überhaupt nicht mehr fremd ist. Es wirkt alles ganz fließend in deinem Workshop mit den Schülerinnen und Schülern der Zürich-Schule. Kann man sagen, dass in der Enkelgeneration von Beuys der Gedanke ganz nah ist, dass jeder Mensch kreativ und ein Künstler sein kann?

Stefan Krüskemper Das habe ich so empfunden. Die Kinder hatten überhaupt keine Berührungsängste und haben es sofort als eine Kunstform akzeptiert, dass sie mit ihren Körpern selbst Kunstwerke werden, wenn sie sich gemeinsam zu temporären Skulpturen aufstellen. Und sie sind insgesamt sehr kreativ und erfinderisch mit der Aufgabe umgegangen. Deshalb hat es wohl so viel Spaß gemacht. Ich musste gegen nichts ankämpfen.

María Linares Ich fand bei deinem Projekt sehr deutlich sichtbar, dass Beuys inzwischen von der Gesellschaft verdaut worden ist. Seine Ideen sind Teil der heutigen Wirklichkeit. Es wurde auch dadurch so klar, weil du in der Ausrichtung des Workshops auf alles Akademische und Handwerkliche verzichtet hast.

Stefan Krüskemper Ich wollte zum einen die Hürde niedrig halten, weil ich nicht wusste, an welcher Stelle ich die Kinder abhole. Zum anderen wollte ich auch vermitteln, dass man nicht gut zeichnen können muss, um Kunst zu machen. Das hat bei den Kindern tatsächlich Hemmschwellen gesenkt. Mit allem, was da ist und mir geschenkt wurde, kann ich künstlerisch tätig werden, wenn ich nur unvoreingenommen bin. Mir ging es darum, diesen ganz ursprünglichen Impuls zu stärken, wo eine schöpferische Idee und wo Kunst entsteht. Das heißt ja nicht, dass man später dann nicht auch viel lernen und forschen muss, um einer Sache auf den Grund zu gehen.

María Linares In den Kunstkreisen, wo man gerne alles in Schubladen steckt, hört man immer wieder, dass Partizipation eine Sache der 90er war. Ich persönlich habe eher das Gefühl, dass eine bestimmte Form der Partizipation in den 90ern ausschließlich für die Museen entstanden ist. Außerhalb des Kunstkontexts war es bereits ganz selbstverständlich, dass zum Beispiel Kinder Koautoren und Mitwirkende sein konnten. Heute gehen besonders die Kinder sehr selbstbewusst damit um. Sie sind viel aktiver in den Prozess eingebunden. Vielleicht hat das auch mit einem gewandelten Künstlertypus zu tun, der nicht mehr Fremdkörper ist, sondern mitten in der Gesellschaft steht und mitwirkt?

Stefan Krüskemper Das ist schon ein sehr hohes Ideal, wie du es formulierst. Als Künstler würde ich es mir natürlich sehr wünschen, dass wir in der Gesellschaft als integrativer Teil von ihr agieren können. Für den kurzen Moment dieses Projekts mit der Zürich-Schule war es sicher so. Ich war mittendrin.

María Linares Bei deinem Projekt hat es funktioniert. Du warst ganz klar der Impulsgeber. Ihr alle wart in einem bestimmten historischen Moment miteinander verknüpft und du warst dabei kein Satellit, der entfernt über allem schwebt.

 

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Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Maria Linares und Stefan Krüskemper  
© Copyright 2010 Stefan Krüskemper